Atifa Moharam in der Unterkunft in Köln. Foto: Werner Amann

Fünf Geschichten von Geflüchteten, die sich trotz widrigster Umstände und dank engagierter Helfer*innen eine Perspektive in Deutschland geschaffen haben.

Frankfurter Allgemeine Quarterly 8
September 2018

Die Atmosphäre hat sich deutlich verändert: 2015 standen die Deutschen noch applaudierend am Münchner Hauptbahnhof, um den Neuankömmlingen Mitbringsel zu überreichen, der „Guardian“ schrieb, das Wort „Willkommenskultur“ könnte in den englischen Sprachgebrauch eingehen, und Bundeskanzlerin Angela Merkel lächelte mit syrischen Geflüchteten in die Kamera. Doch bald häuften sich die Angriffe, beinahe täglich brannten Asylunterkünfte, seit der Silvesternacht von Köln kippte die Stimmung dann grundsätzlich. Heute spricht niemand mehr von „Willkommenskultur“, in der Diskussion um Migration scheint es fast nur noch um Abschottung zu gehen. Wie aber können diejenigen, die in Deutschland Schutz suchen, so überhaupt Fuß fassen?

Fünf Menschen erzählen davon, wie sie sich trotz widriger Bedingungen ein neues Leben aufbauen und Teil der Gesellschaft werden. Wie alle Asylsuchenden wurden sie nach ihrer Ankunft in Erstaufnahmelagern untergebracht, wo sie Feldbett an Feldbett mit anderen Geflüchteten schlafen, sich Toiletten und Duschen teilen und auf Intimsphäre verzichten mussten – bis die Behörden eine Entscheidung über ihren Asylantrag trafen. Bei manchen dauerte es Monate, gar Jahre, bis sie den Antrag überhaupt stellen konnten, wie im Fall von Bangalie Kargbo aus Sierra Leone, der mittlerweile einen IT-Job hat und so vor der Abschiebung geschützt ist. Auch Radhwan Almklt aus dem Irak darf bleiben, weil er einen Ausbildungsplatz hat.

Der Wirtschaft gefällt das, denn sie sucht händeringend Fachkräfte. Die Signale sind positiv – die Integration von Geflüchteten auf dem Arbeitsmarkt klappt laut der Bundesagentur für Arbeit immer besser: Mehr als 300.000 Menschen haben demnach bereits eine Anstellung gefunden, 88.000 mehr als im Vorjahr.

Nur wer arbeiten, die Sprache lernen und selbst entscheiden darf, wo er wohnt, kann hier richtig ankommen. Aus den Erzählungen der Betroffenen wird klar: Selten sind dabei die Behörden hilfreich, meist sind es einzelne Helfer, Organisationen und Unternehmen, die Neuankömmlinge unterstützen. Und es sind die Menschen selbst, die nicht aufgeben, dafür zu kämpfen, in Würde leben zu können.

 

Radhwan Almlkt, 28, Frankfurt:

„Ich komme aus Mossul – aus jener Stadt, die als IS-Hochburg bekannt wurde. Noch als Student floh ich nach Bagdad, um meinen Bachelor of Community Health Technics an der Uni dort zu beenden. In Mossul hätte mich der IS gezwungen, mich den Milizen anzuschließen. In Bagdad arbeitete ich nach dem Studium in einer Krankenhausapotheke. Ich hatte ein relativ normales Leben, aber die Verhältnisse wurden auch dort immer krasser, krimineller und gefährlicher. Eines Tages kam es zu einem Vorfall bei uns im Krankenhaus – und es war klar, wir, Teile des Personals, müssen fliehen. Ich will nicht erzählen, was passiert ist, um meine Familie nicht zu gefährden, die noch im Irak ist. Ich hatte an diesem Abend Bargeld bei mir, mein Lohn war mir gerade ausgezahlt worden, und legte das sofort im Reisebüro um die Ecke auf den Tisch, um den nächsten Flug in die Türkei zu buchen. Nicht einmal meiner Mutter sagte ich tschüss, weil ich wusste, dass es um jede Sekunde ging. Von der Türkei aus, wo es keine Grundsicherung, Jobs und Wohnungen für Flüchtlinge gibt, fuhr ich mit einem kleinen Boot mit etwa 45 Leuten in Todesangst über das Mittelmeer nach Griechenland und lief dann über die Balkanroute nach Deutschland. Seit November 2015 bin ich hier. In Gießen wurde ich anfangs in ein Lager mit 400 Leuten ohne jede Intimsphäre gesteckt, es war immer laut und gab permanent Auseinandersetzungen. Wie soll es auch anders sein, wenn ohnehin schon traumatisierte Menschen so zusammengepfercht werden?
Nach fünf Monaten wurde ich in den Taunus verlegt – in einen Container, den ich mir mit drei wildfremden Menschen bis zum Zeitpunkt meines Interviews teilen sollte, also bis ich endlich meinen Asylantrag stellen konnte. Ein Jahr lang wartete ich darauf. Ich nutzte die Zeit, um ehrenamtlich als Dolmetscher für den Arbeiter-Samariter-Bund zu arbeiten – Englisch und Arabisch konnte ich schließlich fließend –, um in einem Altersheim auszuhelfen und mir selbst Deutsch beizubringen. Einen Deutschkurs konnte ich nämlich offiziell erst machen, nachdem mich die Nachbarin unserer Unterkunft zur Frankfurter NGO ‚Joblinge‘ brachte. Ohne die Hilfe einzelner Menschen, ohne persönliche Unterstützung kommt man in Deutschland als Flüchtling schwer weiter. Über ,Joblinge‘ konnte ich dann auch einen Praktikumsplatz in einer Frankfurter Apotheke finden, die mich als Auszubildenden übernommen und mich damit vor der Abschiebung gerettet hat. Mein Asylantrag wurde schon vor einem Jahr abgelehnt. Die Person vom Bundesamt für Migration, die mich interviewt hat, wusste übrigens nichts über den Irak, nicht einmal, dass in Mossul der IS war. Ich bin jetzt nur für die Dauer der Ausbildung geduldet. Obwohl ich mich in Frankfurt zu Hause fühle und nach meiner Ausbildung so gern Pharmazie studieren würde. Ich wohne schon mit lauter deutschen Studenten zusammen; das ist wunderbar. Fünf Monate hatte ich im Internet nach einer Wohnung gesucht und mich dann im WG-Casting gegen andere durchgesetzt.“

Atifa Moharam, 22, Köln:

„Seit Anfang September mache ich eine Ausbildung als Operationstechnische Assistentin an der Uniklinik Köln. Ich wollte schon immer in Krankenhäusern arbeiten, am liebsten als Ärztin; doch mein Abitur aus Afghanistan wird hier nicht anerkannt, deshalb kann ich nicht Medizin studieren. Aber Hauptsache, ich darf jetzt trotzdem bei Operationen dabei sein!
Mein Vater wurde in Afghanistan umgebracht, permanent sterben Menschen bei Anschlägen und in kriegerischen Auseinandersetzungen. Wir, meine Mutter, meine vier Geschwister und ich, flohen nach Syrien, wo wir fünf Jahre blieben. Bis dort der Krieg ausbrach, dann sind wir weiter nach Iran und von dort aus nach Europa gereist. Am Anfang, als wir 2016 in Deutschland ankamen, war es richtig schwer, wir konnten die Sprache nicht und wurden in eine Turnhalle in Düsseldorf gesteckt, für sechs Monate, Feldbett an Feldbett mit wildfremden Menschen, mit so vielen Männern. Danach bekamen wir eine Wohnung in einer Notunterkunft in Köln: zwei Zimmer für uns sechs zusammen. Meine drei Brüder schlafen in einem Raum, meine Mutter, meine Schwester und ich im anderen, dort, wo auch die Kochzeile verläuft. Das Bad auf dem Flur teilen wir uns mit allen anderen im Haus. Vom Jobcenter bekommen wir aktuell 1400 Euro im Monat – das ist nicht viel für sechs Personen, die alle Hunger haben.
Aber jetzt, da ich die Stelle habe, wird es bestimmt besser. Hier in der Unterkunft gibt es ein regelmäßiges Sportprogramm von ‚RheinFlanke‘, einer Organisation, die auch Begleitung und Jobcoachings für Geflüchtete anbietet. Ich habe selbst ehrenamtlich mitgearbeitet, beispielsweise Kinder betreut, während die Eltern den Sprachkurs besuchten, und gedolmetscht habe ich auch für das Programm. Meine Chefin dort half mir dann, Bewerbungen für die Ausbildung als OP-Schwester zu schreiben. Die Uni-Klinik lud mich gleich zum Bewerbungsgespräch ein – und nach einem Tag bekam ich schon meine Zusage. Jetzt warten wir nur noch darauf, endlich eine Wohnung zu bekommen. Ich suche schon die ganze Zeit.“

Al Kassem Saleem, 31, Berlin:

„Ich komme aus Syrien, aus Dair az-Zaur an der Grenze zum Irak. Meine Familie hat es geschafft, vor dem Islamischen Staat zu fliehen, und ich will Ihnen hier nicht erzählen, was die Soldaten des IS davor noch mit mir gemacht haben. Ich kann nur sagen, dass es mir sehr schwerfällt, Deutsch zu lernen, weil ich mich so schwer konzentrieren kann. Weil mein ganzer Körper von diesem Stress heimgesucht wird. Und die Psychotherapie, die ich beginnen wollte, hat es nur schlimmer gemacht. Vielleicht kann ich mich damit irgendwann auseinandersetzen. Wenn Deutschland mir weiter so guttut.
Gerade geht es mir am besten, wenn ich den ganzen Tag in der Stadt unterwegs bin und etwas tue, anderen helfe, mich nützlich mache. Ich arbeite in einer Gärtnerei in Neukölln, und in Kreuzberg repariere ich ehrenamtlich Fahrräder. Ich bin Teil eines Projekts, das Räder für Flüchtlinge zusammenbaut, und außerdem mache ich auch noch mit bei einer Initiative, die speziell geflüchteten Frauen das Radfahren beibringt. In Syrien hatte ich als Kind bei meiner ersten Radtour gleich einen Unfall, erst in Deutschland habe ich die Liebe für die Räder entdeckt. Anfangs, als ich 2016 in Deutschland ankam, wurde ich in die Hangars am ehemaligen Flughafen Tempelhof gesteckt. Schon dort begann ich, ehrenamtlich zu arbeiten in einem Café vor Ort. Eine der Sozialarbeiterinnen, die mittlerweile eine gute Freundin von mir ist, half mir schließlich, eine Wohnung zu finden. Ich lebe in einer WG mit lauter Deutschen – so lerne ich die Sprache durch die Konversation mit den anderen – und muss nicht allein über den Büchern sitzen. Einmal war ich auch schon richtig verliebt in eine Frau aus Deutschland, die leider aber doch noch zu sehr an ihrem Ex hing. Mal sehen, ob ich mein Herz bald wieder öffnen kann.“

Zaynap Tavakkoli, 33, Berlin:

„Mein Mann und ich brachen mit unseren vier Kindern im Herbst 2015 aus Afghanistan auf und flohen nach Norwegen. Dort wurde unser Asylantrag abgelehnt, und wir zogen weiter nach Deutschland, von wo aus wir ebenfalls abgeschoben werden sollten – hätten sich die Kirchen nicht für uns stark gemacht. Wir mussten hier untertauchen, um der Abschiebung zu entkommen. Es war klar, dass die Situation in Afghanistan lebensgefährlich für uns wäre und dass wir das Leben unserer Kinder nicht riskieren konnten.
Zwei Berliner Kirchen gaben uns Asyl in ihren Räumen, und einzelne Menschen unterstützten uns sehr dabei, hier anerkannt zu werden. Ohne deren Hilfe wären wir wahrscheinlich schon tot. Als sie es schafften, dass wir dann doch bleiben durften, zogen wir aus der Kirche um in die Hangars am Tempelhofer Feld – ein schrecklicher Ort: Wir teilten uns eine Kabine mit einer anderen Familie. 14 Monate waren wir in diesem kleinen Käfig, in Hangar 7. Ich wusste: Ich muss arbeiten, etwas tun, dort tagsüber raus, um nicht verrückt zu werden. Ina, eine Frau aus einem Projekt namens ‚Dabei-Sein‘, die sich um die Geflüchteten in Notunterkünften kümmern, vermittelte mir einen Job in einem Familienzentrum. Dort arbeitete ich ehrenamtlich, bis wir endlich umziehen konnten. Jetzt wohnen wir am Stadtrand von Berlin, und meine vier Kinder gehen alle in die Schule, haben deutsche Freunde gefunden und beherrschen die Sprache schon sehr gut. Mein Mann und ich müssen schauen, dass wir hinterherkommen mit dieser Turbo-Integration.“

Bangalie Kargbo, 30, München:

„Ich bin durch die Sahara gelaufen und habe das Mittelmeer überquert – einen anderen, legalen Weg, in Europa Asyl zu beantragen, gibt es ja nicht. Man muss erst sein Leben diverse Male aufs Spiel setzen und alles Geld, das man besitzt, ausgeben, um einen Asylantrag in Europa stellen zu können. 2013 kam ich in Deutschland an. Die Behörden schickten mich nach Bayern, da müssen alle Leute aus Sierra Leone hin. Drei Monate verbrachte ich in einem Erstaufnahmelager in Kieferngarten – drei Monate Warten, ohne die Möglichkeit, irgendetwas zu tun. Dann wurde ich verlegt in ein Hotel an der Autobahn, das zur Geflüchtetenunterkunft umfunktioniert war – das hieß: so viele Leute wie möglich in jedem Zimmer. Von dort aus wurde ich nach ein paar Monaten in eine andere Unterkunft nach Kaufbeuren im Allgäu geschickt, wo ich einen Pfarrer kennenlernte, der die katholische Schule kannte, an der ich in Sierra Leone Abitur gemacht hatte. Er wollte mich unterstützen und vermittelte mir ein Praktikum in einem kleinen Unternehmen in Kaufbeuren. Ich übernahm dort den IT-Support – das hatte ich studiert, bevor ich fliehen musste. Ich komme aus einer armen Familie. Die Uni konnte ich besuchen, weil eine Organisation mein Studium finanzierte. Anders als angekündigt, wollte sie nach meinem Studium das Geld plötzlich wieder zurück. So etwas passiert in Sierra Leone, es gibt keinen funktionierenden Rechtsstaat, und so musste ich fliehen, sonst wäre mir der Garaus gemacht worden.
Das Kaufbeurer Familienunternehmen, in dem ich das Praktikum machte, und der Pfarrer finanzierten mir gemeinsam einen Sprachkurs in München. Endlich konnte ich Deutsch lernen! In München lernte ich 2014 auch meine Freundin kennen, mit der ich einen zweijährigen Sohn habe. Seit 2016 arbeite ich nun in München in der IT- und Multimedia-Branche.
Eigentlich wäre mein neues Leben in Deutschland sehr schön – wären nur nicht die Behörden. Ich musste Jahre warten, ehe ich überhaupt meinen Asylantrag stellen durfte, der Termin wurde zweimal verschoben. 2017 hatte ich das erste Interview, das zweite erst dieses Jahr. Solange man nicht Asyl oder subsidiären Schutz bekommt, hat man aber eigentlich keine Rechte, kein Recht auf einen Sprachkurs, kein Recht auf eine Wohnung. Mein Antrag wurde abgelehnt, ich darf jetzt in Deutschland bleiben, solange ich Arbeit habe. Ich muss aber einmal die Woche nach Kaufbeuren, um meine Papiere erneuern zu lassen. Mache ich das nicht, verliere ich meine Duldung. Eigentlich lebe ich in der permanenten Unsicherheit, doch noch abgeschoben zu werden.“